Schluck - Mutter Erde - Ausgabe 6

Editorial

Das, was da ist.

Guten Tag. Sehen Sie mal nach oben. Was steht da? Genau lesen! Und? Fällt Ihnen was auf? Stimmt: Das steht: „Editorial“. Und nicht „Edith Oral“ wie all die letzten Ausgaben zuvor. Zugegeben: Der Pennäler-Witz, auf gut Wienerisch „bochana Schmäh“, war nie sehr gut. Und der Chefredakteur dieses Periodikums hat ihn aus seinen alten Schülerzeitungstagen (1978-1980) rübergerettet. Aber jetzt ist er weg. Und warum? Weil so was nicht mehr geht. Die Zeiten ändern sich und sexualisierte Witze auf Kosten aller Geschlechter (nicht nur Frauen, die davon am meisten betroffen sind) sind over & out. Vorbei! Und es ist egal, ob wir das gut finden, oder nicht. Deswegen seht heute hier „Editorial“. Und das nächste Mal steht„Vorwort“ da. Weil wir Fremdwörter hassen. Sie machen den Autor meist wichtiger, als er ist.

Viele Fremdwörter finden Sie in dieser Ausgabe von SCHLUCK in der Kolumne von Heymann Löwenstein. Ja, wir wissen, der hat einen Vornamen. Aber kennt den jemand? Doch ist nicht der Doppelname des lange Jahre berühmtesten Erneuerers der Moselweine als Vor- und Nachname nahezu perfekt? Deswegen Heymann Löwenstein. Herr Heymann Löwenstein, bitte. So viel Platz muss sein.

Löwenstein antwortet unserem Chefredakteur in der Pro & Contra- Kolumne als Verfechter der Spontangärung (S. 124). Und der Chef- redakteur, diesmal weniger aufbrausend und charakteroriginell als sonst, durfte wieder den Gegner des esoterischen Quatschs geben, wie es wohl seine Rolle zu sein scheint. Dabei macht der Bigotte selber Wein und frönt in seinem Keller auch der Spontangärung. Wie es dazu kam, zum Weingut, erzählt er auf Seite 44.

Heymann Löwenstein hat also die höchste Fremdwortquote im Heft. Fremdwörter muss man richtig verwenden können. Und Löwenstein kann. Also holen Sie schon mal den Duden raus. Die wenigsten Fremdwörter in diesem Heft finden Sie in der Winzer-in-Nöten- Geschichte von Simon Weiss (S 58), der deutsche Winzer besuchte; Winzer, die viele kennen und noch mehr mögen; Winzer aber, die wie die meisten deutschen Winzer ökonomisch immer etwas zu bangen haben. Ob das Geld für mehrere magere Jahre reicht. Daran sind freilich die Wetterkapriolen mitverantwortlich, sicher aber auch der Hang der deutschen Weinkonsumenten, beim Weinkauf wenig mehr als sechs Euro ausgeben zu wollen. Das ist in jedem anderen Weinbauland der Welt anders. Und das sagt uns auch, dass der Deutsche Deutschland als bedeutendes Weinbauland noch nicht wahrgenommen hat. Wir arbeiten daran, das zu ändern.

Sie lesen SCHLUCK Ausgabe VI. Sie lesen das Grund-&-Boden-Heft. Sie lesen Geschichten von Menschen, die Grund fanden, Wein zu machen, wie etwa das Paar Robert Boudier und Elmar Köller, das im eher rustikalen Stetten in der Pfalz einen Pink Flamingo gebar (S. 48). Dann lesen Sie von Menschen, die Boden fanden; Sie lesen von Sabine und Felix Eichbauer, die Besitzer des legendären Restaurants Tan-tris in München. Die beiden haben ein Weingut im Brunello erworben. Und ein Erbe angetreten (S. 19). Jürgen Schmücking ist für SCHLUCK nach Kanadageflogen und hat dort die besten Ice-Cider-Produzenten getroffen. Ice Cider? Nie gehört. Machen Sie sich nichts draus: Wir auch nicht. Aber jetzt wissen wir, was das ist. Und wie es schmeckt (S. 104).

Grund genug, genug Boden zu suchen, hatte auch Julia Klüber, die in die Grenzregion Collio/Brda fuhr und Wein ohne Grenzen suchte. Das ausgerechnet dort, wo seit genau 100 Jahren eine Staa- tengrenze selbst die Weingärten teilt. Mögen anderswo Unionen zerfallen, in Collio/Brda entstehen sie neu. Dank Wein (S. 26). Bei ihrer Rückfahrt nach Berlin hat Klüber noch in Hessen einen Stopp eingelegt und ist dort mit einem Apfelweinproduzenten durch die winterlichen Streuobstwiesen gegangen. Die Äpfel waren freilich längst verarbeitet, doch Klüber erfuhr, dass das lange belächelte Getränk gerade sein Terroir findet (S. 108).

Konstantin Baum, Master of Wine, fuhr für SCHLUCK in das fran- zösische Jura und kam mit einigen Flaschen zurück, die er nicht mit uns teilen wollte. Warum, lesen Sie auf Seite 70. Peter Praschl hat das Weintrinken vergessen. Einfach so. Und eigentlich ohne Absicht. Jetzt sehnt er sich nach dem Rausch, den er nie hatte (S. 14). Und unser Weinschnüffler Paul Brutzkowski stieg erneut in seinen schrottreifen 911er und fuhr gen Westen, um Winzer zu finden, die nur wenige kennen, aber mehr noch kennenlernen sollten. Auch wenn die besten Flaschen danach wohl weg sind. Auf Geheimnis- verrat steht normal Hinterhof-Füsilieren (Achtung, Fremdwort). Aber wir wollen ausnahmsweise mal nicht so sein (S. 116).

Neben Grund & Boden ist die Hefe ein zweiter Schwerpunkt in diesem Heft. Und wer glaubt, über diese fade, aufgeblasene Bak- terie könne man nur wenig Interessantes erzählen, der lese mal den Schulbuch-Artikel von Christoph Raffelt (S. 66). Und weil wir den Bildungsauftrag der Medien auch gewissenhaft wahrnehmen, erzählt Ihnen Tobias Müller ab Seite 80, wie gutes Brot entsteht. Beißen Sie nachher nicht ins Heft. Es hat zwar eine knusprige Kruste, ist aber schwer verdaulich.

Mit diesen Tipps entlassen wir Sie in das Blättern. Bleiben Sie uns gewogen.

Herzlichst

Der Chefredakteur und die Redaktion