Das neue Jahr ist da und Weinsprache braucht noch immer dringend ein Facelift. Was ich meine, ist ein Jargon, der Barrierefreiheit schafft, Lieschen Müller und Max Mustermann sprachlich fernab snobistischer Codes abholt wie die S1 Richtung Hauptbahnhof und vergorenen Traubensaft Wein sein lässt.
Quatsch-Phrasen. Ulkiges Kauderwelsch. Dumme Jokes. Eine Sprache mit Augenzwinkern und Hüftschwung. Eine Ansprache, die anspricht. Nicht abschreckt.
Wenn Sprache kein Bild malt, bleibt das Glas leer.
Was wir dringend brauchen, ist eine Prosa, die Lust macht und Neugierde weckt. Auf den Wein und die Menschen dahinter. Region und Rebsorte. Keine Höhlenmalerei, sondern eine Sprache, die wie der Stoff um die Ecke brettert, den wir gerne trinken: frisch, offen, animierend. Kreativ und humorvoll. Frei. Vielleicht auch unkonventionell. Auf Augenhöhe. Die goldene Mitte aus hühnerbrüstiger Gen-Z-Lingo und knarzender Gargamel-Tonalität. Eine weltenbummlerische Dialektik, die Gravitationsgesetze kennt, doch die Erdanziehung ignoriert.
Beleuchtet man den Impact von Sprache etwas genauer wird schnell klar, dass sie die größte Innovation der Menschheit ist. Sprache wirkt. Und schafft Realität. Sprache kann Berge versetzen. Sie verleiht uns die irdische Superkraft, Bilder, Informationen, und Gedanken in Köpfe zu pflanzen: Spaghetti-Eis, Atompilz, Blümchensex, Mercedes-Stern, Hot-Dog-Wettessen. Nicht an rosa Elefanten denken, nicht an rosa Elefanten denken, nicht an rosa Elefanten denken. Einfacher gesagt als getan.
Sprache ist unwiderstehlich. Ungestüm. Nicht zu stoppen. Worte wie ballistische Geschosse, die sich nuklear ins Gedächtnis bohren und ungefragt eine Horde misspiggyfarbener Rüsseltiere dort hinterlassen, wo gerade eigentlich noch verarbeitet werden muss, dass Donald Trump den Zugang zum Atomkoffer hat.

Sprache aktiviert die Nervenzellen in unseren Gehirnen, Neuronen senden anschließend Signale in die letzten Winkel unseres doch so komplexen Körpers und zappzarapp entstehen Bilder im Kopf und Emotionen kochen auf. Worte haben Geschichte geschrieben und Skandale ausgelöst, Mauern eingerissen und Zäune hochgezogen. Worte bringen zum Lachen, Worte bringen zum Weinen. Sie können aufbauen und zerstören, für etwas stehen, wenn sie sitzen. Worte können alles und viel mehr: Sie sind ein endloser Datensatz, den wir tagtäglich neu codieren.
Ich kann von einem verchromten Einhorn mit regenbogenfarbenem Schweif und Wunderkerze im Arsch schreiben und schwuppdiwupp galoppiert das kunterbunte Fabelwesen mit der Funken sprühenden Poperze durch die Köpfe der Lesenden. Das ist keine Magie, das ist Sprache. Ein Werkzeug von universeller Kraft. Was ich sagen will: Worte können die Welt verändern. Auch die Weinwelt.
Über Form und Funktion
Unser Denkapparat verfügt über zwei Hirnrindenareale, die speziell für Produktion und Verarbeitung von Sprache verantwortlich sind. Die wabernde Frikadelle in unserem Kopf hat also eine Produktionsstätte für Sprache und eine Empfangsdame, die Phrasen und Signale kognitiv rezipiert und weiterverarbeitet. Politisch korrekt hätte es Rezeptionistin oder Rezeptionist heißen müssen, doch ich mochte das Bild der Empfangsdame, die emsig hinter einem hölzernen Pult in einem kleinen Hotel in der Uckermark sitzt und Sätze wie gestrandete Gäste empfängt.
Sprache, ein Tool, das es clever einzusetzen gilt
Die beiden kognitiven Hotspots – Produktionsstätte und Empfangsdame – werden Broca-Areal und Wernicke-Region genannt. Das Broca-Zentrum, benannt nach Pierre Paul Broca, seines Zeichens französischer Chirurg, gilt als motorisches Planungsbüro unserer Sprache. Aus dem Wernicke-Areal, das seinen Namen dem deutschen Neurologen Carl Wernicke verdankt, erhält es Eingänge, die Sinneseindrücke, semantisches Verständnis und Sprachproduktion ermöglichen. Sprache ist also erstmal keine Magie, sondern Wissenschaft und Werkzeug. Ein Tool, das es clever einzusetzen gilt. Selbstverständlich gehören auch eine Prise Bauchgefühl, Sprachverständnis, etwas Glück, Kreativität, Style und eine Mittelfingerspitze Mojo dazu, doch das ist dunkle Materie, Raketenwissenschaft, Voodoo, die wahre Magie und der eigentliche Zauber, dessen Zugang Abermillionen E-Mail-Schreibenden tagtäglich verwehrt bleibt, da sie die kreative Kraft von Sprache schlichtweg ghosten.
Die Genussinsolvenz der Republik ist in vollem Gange.
Diese Bewegung brauchen wir als Szene dringend. Denn die Absatzzahlen stagnieren. Laut dem Deutschen Weininstitut sank 2024 die Menge des eingekauften Weins um vier Prozent, der damit erzielte Umsatz sogar um fünf Prozent. Weine aus Deutschland waren mit einem Minus von fünf Prozent im Absatz und sechs Prozent im Umsatz etwas stärker von dieser Entwicklung betroffen. Die Gründe dafür sieht die ehemalige DWI-Geschäftsführerin Monika Reule besonders im demographischen Wandel, in den veränderten Konsumgewohnheiten der Verbraucherinnen und Verbraucher sowie in dem konjunkturbedingt kostenbewussteren Einkaufsverhalten der Deutschen.
Auf diese kann die Branche allerdings nicht Däumchen drehend warten. Taten müssen folgen. Ein neues Wein-Latein kann uns hier nicht im Alleingang den Allerwertesten retten, doch Akzente setzen. Dabei helfen, neue Zielgruppen zu gewinnen. Als Quantensprungbrett dienen. Zu einem kommunikativenVehikel werden, das nicht abschreckt, sondern ansteckt. Zu einem Türöffner. Und: einer Einladung.

Eine Sprache mit Terroir
Die deutsche Sprache, ein Hochpräzisionswerkzeug, das durch multikulturelle Einflüsse tagtäglich erweitert wird, bietet uns hierbei ein besonders potentes Arsenal an Worten. Eine Wortschatzkammer, die hochkarätige Sprachjuwelen wie Kopfkino, Fernweh und Weltschmerz bereithält, doch auch den akzentuierten Gebrauch von Anglizismen sowie französischer Sprache und arabischem Jargon easy zulässt. Selbes gilt für clevere Neologismen, die mit Begrifflichkeiten wie dem legendären Niagara-Trinkfluss und der Rasiermesser-Säure bereits in der Weinwelt Einkehr halten und einfach nice klingen wie Songs von Drake. Phonetisch mag unsere Sprache etwas knöchern wirken, vielleicht hart, irgendwie verkrampft, für mich allerdings ist Deutsch eine wunderbar elastische Sprache, die sich vor allem auf dem Papier dehnen lässt wie Kaugummi. Eine linguistische Spielwiese, die seitens der Weinwelt viel zu selten gemäht wird und deshalb nur so vor staubtrockenen Stilblüten wimmelt.
Die deutsche Sprache: ein Hoch-präzisionswerkzeug
Die Härte, die unserer Sprache oft vorgeworfen wird, ist genau das, was sie meiner Meinung nach so einzigartig macht. Deutsch ist kein homogener Wortbrei, der widerstandslos die Seele herunter flutscht, keine phonetische Astronautennahrung, sondern eine Sprache mit Ecken und Kanten. Eine Sprache mit Struktur, Textur und Haptik. Sie ist griffig und verfügt über eine raue Oberfläche, die sich ins Gedächtnis schmirgelt. Wo Englisch oft glatt, distanziert, neutral, generisch und teilnahmslos klingt, ist Deutsch besonders charakteristisch. Geradezu granular. Mikroskopisch genau. Ureigen. Griffig. Wie ein Wein mit ordentlich Schalenkontakt. Ausgestattet mit enormem Differenzierungspotential. Sich vergleichsweise im Englischen abheben: alles andere als easy. Und doch verkennen wir diese Kraft, dieses Potential, diese unumstößliche Einzigartigkeit. Oder um in der Weinwelt zu bleiben: Wir verkennen das Terroir der eigenen Sprache.
Mir könnte das alles so schnurzpiepegal sein wie die Tatsache, ob der Pressesprecher der Sommelier-Union heute früh während einer Sitzung zum Thema „Rheingau Riesling – das große Revival“ nach seinem dritten Vollautomaten-Espresso Dünnpfiff oder festen Stuhl hatte, doch als jemand, dem Sprache immer ein Zuhause gegeben hat, fühle ich mich dazu verpflichtet, über diesen kommunikativen Missstand zu schreiben.

Gebabbel für die Bubble
Die Sprache unserer Blase wirkt oft altbacken und angestaubt, abgegriffen, wie eine durchgenudelte Geldbörse. Teilweise auch bleich, überhöht, distanziert, steif und uninspiriert. Dem sprachlichen Zeitgeist humpelt sie schon lange hinterher und auch popkulturellen Strömungen wie Mode, Sport, Gaming, Film, Musik und Kunst verschließt sie sich gänzlich, obwohl milieufremde Einflüsse und Querverweise klassische Türöffner und Multiplikatoren darstellen. Die Bereitschaft der älteren Generation an Journalistinnen und Schreiberlingen, sich endlich mit neuen Themen zu befassen, twerkt hier leider gen Null. Wir drehen uns inhaltlich im Kreis. Und ignorieren die wirklich interessanten Geschichten. Wie beispielsweise, dass Dominik Held, junger Winzer aus Dolgesheim in Rheinhessen, der 2,5 Hektar biologisch bewirtschaftet, gemeinsam mit Longus Mongus und Monk von der Berliner Rap-Crew BHZ (1,9 Millionen monatliche Hörer*innen auf Spotify) zwei Naturweine auf den Markt gebracht hat, die begleitend zu einer Blockparty am 1. Mai mit der deutschlandweit bekannten Burger-Kette Goldie’s Berlin ausgeschenkt wurde. Warum führt niemand mit den Jungs ein Interview über die Entstehung der Weine und klatscht die Story in ein Magazin? Just do it! Was kann schon schiefgehen? Nichts, richtig. Besonders absurd wird es dann, wenn man sich über eine fehlende junge Leserschaft beschwert, obwohl man dieser keinerlei Anreiz gibt, sich das Geschwurbel reinzuziehen. (Anmerkung der Redaktion: Der Hinweis sitzt. Ein Teil von uns zuckt, ein Teil nickt. Wahrscheinlich ein gutes Zeichen.)
"Unsere Sprache: Ureigen. Griffig. Wie ein Wein mit ordentlich Schalenkontakt. Ausgestattet mit enormem Differenzierungspotential."
Während die Amis mit unterhaltsamen YouTube-Formaten um die Ecke kommen und in England innovative Printmedien Zeitungsständer zieren, verklausuliert sich die hiesige Weinwelt in Medien, die von der Bubble für die Bubble produziert werden. Darunter inzestuöse Fachzeitschriften für die ulkige Spezies Sommelier, nischige Podcasts und über die Vielzahl an Verkostungsnotizen, die sich wie die negativen LSD-Trips gescheiterter Germanistikstudenten lesen, möchte ich an dieser Stelle gar nicht sprechen. Ob Halbstück, Fuder oder Barrique: Dieses Fass machen wir nicht auf.
Eigentlich keine Raketen-Wissenschaft.
Eigentlich ist das alles keine Raketenwissenschaft. Ganz im Gegenteil. Man muss es nur wollen, etwas Hirnschmalz verbraten und mit der vinophilen Folklore nicht bloß die eigene Sippe adressieren, die meist sowieso nur aus einer Horde angezählter Geisterbahngestalten besteht, die sich zum Kekswichsen im Elfenbeinturm trifft, um sich Blattgoldreste mit Brieföffnern aus den Zahnzwischenräumen zu kratzen. Darüber hinaus gibt es eine Vielzahl an lyrischen Kniffen, die den Werkzeugkasten zieren. Spannende Synonyme, Alliterationen, Analogien, Neologismen, popkulturelle Vergleiche, Verknappung, Selbstironie, humorvolle Metaphern und ein guter Flow wirken da Wunder, wo früher Gargamel und Gandalf mit Worten wie Wollmäusen am Lagerfeuer der Selbstbeweihräucherung um sich schleuderten, während sich das Knarzen eines Schaukelstuhls langsam zum akustischen Folterwerkzeug entwickelt. Informationsarchitektonische Parameter spielen ebenso eine entscheidende Rolle. Diese zu kuratieren, ist keine Kunst, sondern notwendiges Übel, wenn wir Menschen nicht reizüberflutet in Buchstabensuppe kentern lassen möchten.

Welche Informationen sind wirklich relevant? Und ab wann driften wir in einen geistigen Schwanzvergleich, der sich nur darum dreht, werden längeren Steckbrief hat? Balance ist das Stichwort. Eine zu gleichen Teilen aus informativen Fakten, humorvoller Sprache und emotionalen Insights gekelterte Text-Cuvée, die sich so erfrischend schlürft wie Riesling, der nicht aggressiv durchs Möbelhaus gezerrt wurde, doch eine gewisse Tiefe vorweist, die sich irgendwo zwischen Marianengraben und Schlaglochpfütze ansiedelt. Weniger ist mehr. Niemand möchte gemästet werden. Weder mit siebenundvierzigtägigen Maischestandzeiten noch intrazellulärer Kohlensäuregärung und auch Aromen von Kolanuss, Limettenblüten und Pumpernickel braucht keine Sau, außer der Person, die sie grenzdebil grinsend zu Papier bringt. Auch ich verfalle in diese Muster, doch gelobe Besserung, da niemand etwas mit hypersubjektiven Geschmacksbeschreibungen anfangen kann, außer, und das ist die Ausnahme, sie erzählen eine Geschichte, die anschließend emotional aufgedröselt wird. Schmeckt der Wein wirklich nach Kaffee? Wenn ja, da durchaus möglich, nach welchem? Rabenschwarz geröstetem Espresso aus Kenia, der von einem De-Niro-Double grobschlächtig durch eine Siebträgermaschine gejagt wurde, Filterkaffee bei Starbucks oder Hipster-Gemüsebrühe mit Anklängen von Carbon-Rennrad, kreisrundem Haarausfall und einem Hauch Mid-Life-Crisis? Dieses Prinzip lässt sich so gut wie auf jede Beschreibung eines Aromas münzen. Ein gereifter Pinot Noir mit dreißig Jahren auf dem Buckel erinnert entfernt an Ketchup? Doch an welches? Das radioaktive von Heinz aus dem Supermarkt oder ein ochsenherztomatiges Bio-Baumschulen-Chutney? Hier inhaltlich und sprachlich zu präzisieren, wirkt sich signifikant auf die Qualität eines Textes und dessen Alleinstellung aus, aber das nur am Rande.
"Die kommunikative Kraft frischer Sprache zu erkennen wird der Branche nicht per Sofortdekret den Arsch retten, ist allerdings der erste Schritt in die richtige Richtung. In einer Welt, die nur so vor charakterloser ChatGPT-Brühe wimmelt, schenkt uns Sprache vor allem eins: die Fähigkeit aus der breiten Masse herauszustechen."
Houston, wir haben ein Problem
Die kommunikative Kraft frischer Sprache zu erkennen, verdient selbstverständlich keinen Pulitzer-Preis und wird der Branche auch nicht per Sofortdekret den Arsch retten, ist allerdings der erste Schritt in die richtige Richtung. Im zweiten Step ist es essenziell, eine eigene Sprache zu finden. In einer Welt, die nur so vor charakterloser ChatGPT-Brühe wimmelt, schenkt uns Sprache vor allem eins: die Fähigkeit aus der breiten Masse herauszustechen. Uns abzugrenzen. Einen USP. Distinktion.
Abgrenzung. USP. Distinktion.
Oder in anderen Worten: Sprache schenkt uns die Möglichkeit, einen Sound zu entwickeln, der uns zu dem macht, was wir sind: Individuen. Auch hier sind wir wieder beim Terroir der Sprache. Doch Obacht: Haters gonna hate. Dessen muss man sich bewusst sein. Alles, was anders ist, wird vorerst naserümpfend durch zentimeterdicke Brillengläser beäugt. In der angestaubten Weinwelt gehört es fast zum guten Ton, Neuartiges erstmal schockallergisch von sich zu stoßen wie ein Neugeborenes, das Babybrei-Fontänen in sämtliche Richtungen speit.
Ich erinnere mich an einen Schlagabtausch in meiner Kommentarspalte unter einem Post über Vincent Couche, der an der Côte de Bar, dem Süden der Champagne, durchaus soliden Schampus herstellt. In meinem Text habe ich die Côte de Bar „den dreckigen Süden der Champagne“ genannt. Der dreckige Süden der Champagne. Ich mag diese Formulierung sehr. In erster Linie klingt sie fresh. Vielleicht ist sie auch frech. Die elitäre Champagne dreckig nennen – mon dieu, welch Blasphemie. Doch welches „dreckig“ meine ich eigentlich?
Das ist die Formel! Das ist dirty!
Eigentlich easy: Die Umschreibung ist lediglich eine Referenz an das Hip-Hop-Subgenre Dirty South, das mich seit meinem dreizehnten Lebensjahr begleitet. Gemeint ist damit Rapmusik aus dem Süden der USA, sprich Houston, Atlanta, New Orleans, Memphis und auch Miami. Dreckig nicht etwa, weil die Studios, in denen das Lebensgefühl der Südstaaten vertont wird, zugemüllt sind oder die Müllabfuhr in der respektiven Stadt streikt, sondern weil der Musik eine besondere Energie innewohnt. Beats, die wie Champagnerkorken knallen, lokalpatriotische Texte, gespickt mit regionalen Codes, Slang, vorgetragen von druckvollen Stimmen, ruppig, kraftvoll, energiegeladen, eigenständig prägnant – that’s it. Das ist die Formel. Das ist dirty. Wie die Schaumweine aus dem Süden der Champagne, die oftmals aus Pinot Noir hergestellt werden und aufgrund lehmhaltiger Böden und eines wärmeren Klimas im Gegensatz zu den straffen Blanc de Blancs aus Chardonnay etwas üppiger, wuchtiger und kraftvoller daherkommen. Dirty eben. Üppig. Nicht ganz so karg und kalkig wie der Chardo-Sprudel aus anderen Eckender prestigeträchtigen Region, die bereits Aura-Farming betrieben hat, als es den Begriff noch nicht gab.

Zusätzlich stammt mein Opa väterlicherseits aus Alabama, dem Süden der USA. Eine weitere Referenz, die sich in dem kleinen Satz versteckt. Die Küche dort ist würziger, kraftvoller und deftiger als anderswo in Nordamerika: Gumbo, Barbecue, Po Boy, Jambalaya, Fried Chicken, Shrimp and Grits. Alles spicy, alles mit Soul – wie der pinotlastige Côte de Bar-Schampus, den ich so gerne schlürfe, vor allem, wenn er mit einem Fingerhut Meunier gepimpt wurde, der für mich wie ein Spritzer Tabasco fungiert und leichte Würze spendet.
Noch dazu komme ich aus Stuttgart: Schwabenmetropole im Südwesten des Landes. Kesselstadt. Solide Sonnenstunden im Sommer. Von Juni bis September steht die Luft im Tal, während sich tiefer gelegte, oftmals geleaste, manchmal gar gemietete Sportwagen durch das Feinstaub-Eldorado manövrieren und sich Auspuffgase und Shishadämpfe zu einem stickigen Dickicht vermengen. Der dreckige Süden eben, der sich von Stuttgart über Karlsruhe bis Mannheim zieht.
Journalist Felix Bodmann, der den erfolgreichen Podcast Blindflug moderiert, sich selbst „Schnutentunker“ nennt und Weine gerne mit Worten wie „Hefegebäck“ umschreibt, hat das nicht ganz gefallen und mich in der Kommentar-Spalte meines Posts empört gefragt, wer das denn so sagen würde, „der dreckige Süden der Champagne“.
Gute Frage: „Wer sagt das denn so"?
Ich. Deshalb lesen die Menschen meine Texte. Weil sie anders sind. Einen Wiedererkennungswert haben. Aus der Menge herausstechen und die Côte de Bar kurzerhand zum dreckigen Süden der Champagne machen und das Hefegebäck dort lassen, wo es hingehört: Omas Schublade. Warum denn auch nicht? Das ist doch das Wunderbare an Sprache. Die Gedanken sind frei, wenn wir die Kreativität von der Leine lassen. An diese Kraft glaube ich. Mit jedem Wort, das ich schreibe. Punkt. Nein: Ausrufezeichen.
„Der dreckige Süden der Champagne“: Man muss das sprachliche Bild nicht direkt einrahmen und neben die Mona Lisa klatschen, doch die Reaktion spricht Bände und steht sinnbildlich für eine Generation an Gatekeepern, die jungen Menschen – und dazu zähle ich mich in der komatösen Weinwelt mit meinen 33 Jahren auch noch – die Freude an der vielleicht schönsten Kultur der Welt nehmen, anstatt darüber happy zu sein, dass sich Menschen freiwillig mit dieser doch so absurden Szene befassen und gar versuchen, neue Zielgruppen für dieses göttliche Gesöff zugewinnen.
"Die Gedanken sind frei, wenn wir die Kreativität von der Leine lassen!"
Mutter fickende Moralapostel
Ähnlich erging es mir vorletztes Jahr auf der Vorpremiere VDP.GROSSES GEWÄCHS® 2024, als ich in einer Instagram-Story über einen Weißburgunder vom Weingut Odinstal geschrieben habe, dass dieser, ich zitiere, „Mütter figgt“ – mit „gg“ statt „ck“, in Anlehnung an die Veranstaltung. Eine klassische Battle-Rap-Referenz, also das mit dem Bunga Bunga, die lediglich vulgär ausdrückt, dass der Wein dem ein oder anderen Gewächs – gerade den klassischeren Vertretern, die präsentiert wurden – gelinde gesagt die Leviten liest. Ein vulgäres Kompliment – nicht mehr, nicht weniger. Eigentlich nicht der Rede wert und fast schon peinlich, dass mich die Pseudowokeness einer Horde Hacky Sack spielender Baumschüler dazu bringt, das sprachliche Bild zu erklären, doch so ist es in Zeiten der totalen Empörungskultur eben: Es handelt sich dabei um eine gezielte Provokation und fäkalsprachliche Bewältigungsstrategie.
Pseudowokeness, Provokation & Empörungskultur
Statt zu schlagen, zu stechen oder zu schießen, haben junge Männer in den USA Anfang der Achtzigerjahre damit begonnen, Sprache als Vehikel zu nutzen. Das Ergebnis: Battle-Rap. Oder auch: die Kunst, sich gegenseitig kreativ zu beleidigen. Es wurde sich nicht mehr geboxt, abgestochen oder durchsiebt, sondern verbalattackiert. Die Mutter, das Heiligtum der Familie, ist hier natürlich gefundenes Fressen und eine prädestinierte Zielscheibe.
Kurz nach der Story: unnötige Diskussionen und seltsames Gefasel in meinem Postfach. Erst mit zwei Mitarbeiterinnen des Weinguts, die ich ins Leere laufenlasse, etwas später mit dem Betriebsleiter, der die Story zuerst noch auf seinem Profil repostet, doch dann wieder löscht. Ob ich mich nicht anders ausdrücken könnte. Nein, natürlich nicht. Der Wein fickt Mütter. Punkt. Aus. Ende. Worüber diskutieren wir hier? (Anmerkung der Redaktion: Zugegeben, wir mussten kurz schlucken. Nicht wegen des Weins – der ist hervorragend.)

Ein Andreas Schumann, der im pittoresken Odinstal, dem Taka-Tuka-Land Wein-Deutschlands, emsig Mist in Kuhhörner füllt und diese im Weinberg verbuddelt, bevor er Reben mit selbst gebrühtem Brennnesseltee besprüht hat, versteht das selbstverständlich nicht. Wie denn auch? Wer seit zwanzig Jahren Strauchtomaten in den Schlaf streichelt, ist der Straße und den popkulturellen Strömungen dieses Milieus ziemlich fern, dass man glatt von einer anderen Zeitzone sprechen könnte. Die Weine sind schmackhaft, doch Randgruppenprodukte, gekeltert für die gehobene Küche, Weinbars in Kopenhagen, London und Berlin. Ob junge Menschen sie trinken, weiß ich nicht. Vielleicht ein paar Bonzen-Kiddies mit Geisenheim-Background und Mouton-Rothschild allokierendem Papa, doch das war’s. Verbalsprachlich zu kommunizieren, dass der Wein rasiert, sorry, schmeckt, ist hier also eine Art Übersetzungsversuch, damit auch Denis, Ali und Kenan verstehen, was Sache ist. Nur für den Fall, dass die Kohle mal locker sitzt und man etwas anderes als Lugana von Cà dei Frati trinken möchte. Für einige Akteure anscheinend diskussionswürdig, für mich wie dieser eine Kitsch Krieg-Song: Standard.
Eine Art Übersetzungs-Versuch.
Und wer nach knapp 23.000 Zeichen noch immer nicht an die Kraft der Sprache glaubt, sollte an das süße Gendersternchen und die heißen Diskussionen denken, die es deutschlandweit auslöst. Oder an das harmlose Adjektiv „vegan“, das, sobald es vor dem guten alten „Gänsebraten“ steht, einen emotionalen Erdrutsch bei Markus Söder und seinen sich mit Nürnberger Rostbratwürstchen deepthroatenden Genossen verursacht. Wer sich dieser Kraft bewusst ist, kann mit Sprache alles schaffen. Vor allem, dass wichtige Informationen von A nach B wandern und Texte wirklich gelesen werden.
Und ganz ehrlich: Kein Wunder steckt sich die Jugend lieber in Wodka Gorbatschow getränkte Tampons in den Arsch oder tritt dem militant veganen Healthy-Life-Movement bei, wo der Genuss von Alkohol mit Waterboarding in Hafermilch geahndet wird, statt Wein zu trinken, wenn sich Verkostungsnotizen so lesen, als hätte Onkel Manfred die Buchstabensuppe mit einer Magnum WICK MediNait im System geschrieben, während er auf die nächste Zeitenwende wartet.
Ganz richtig: Jetzt liegt es an uns. Der liebe Gott, Mark Zuckerberg, Lady Gaga, Jeff Bezos, George Clooney, Beyoncé oder wer auch immer diesen maximal absurden Saftladen hier schmeißt, hat uns das Alphabet mit 26 Buchstaben und Milliarden Möglichkeiten geschenkt.
Ganz richtig: Jetzt liegt es an uns.
Nun sind wir an der Reihe. Vielleicht waren es auch seefahrende Phönizier, denen wir das Alphabet zu verdanken haben, ein Volk aus dem Gebiet des heutigen Libanons und Syriens, aber sei‘s drum: Boomer-Cringe, Mansplaining und Schaukelstuhl-Vibes haben hier nichts zu suchen. Ich bin ja kein alter weißer Mann. Fakt ist, das Alphabet gehört uns.
Es gibt weltweit über 6.000 Sprachen. Eine schöner als die andere. Mit kunterbunten Auswüchsen, ureigenen Dialekten, jugendsprachlichen Updates, Slang und vielem mehr. Am Ende, und darum geht es wirklich, ist es am allerwichtigsten, die eigene zu finden. Dabei wünsche ich gutes Gelingen.















